Die digitale Revolution stellt die Welt auf den Kopf. Die technologischen Möglichkeiten verändern die Bedürfnisse der Menschen – und stellen auch die Unternehmen vor Herausforderungen. Sind KMU diesem Tempo gewachsen? Was braucht es, damit sie auch in einer digitalisierten Welt bestehen? Innovation heisst das Zauberwort – auch für kleinere und mittlere Unternehmen.

Wie werden selbstfahrende Autos die Gesellschaft verändern? Werden unsere Wohnungen und Städte künftig durch und durch smart organisiert sein – und wenn ja: Wie wird dies unsere Bedürfnisse verändern? Was passiert, wenn Blockchains nicht nur das Internet, sondern auch unser Zusammenleben neu definieren? Was und wo kaufen Menschen ein, die lieber teilen statt besitzen – und wie kommunizieren sie miteinander? Wann werden Roboter unsere Arbeit übernehmen, und womit werden wir uns dann beschäftigen? Die digitale Revolution kommt, und sie verändert unsere Welt bereits heute schneller und radikaler, als wir es uns jemals vorstellen konnten. Viele KMU reiben sich die Augen. Die einen setzen in der sich verändernden Welt auf Altbewährtes, auf Erfahrungswerte, gut eingespielte Prozesse und vertraute Strukturen. Andere wagen den Schritt in die Zukunft, erfinden sich neu und gehen unbekannte Wege – mit dem Risiko, ihrem Kerngeschäft damit zu schaden. KMU, die bisher noch zögerten, stehen heute vor der Frage: In welche Richtung soll sich das Unternehmen in der digitalen Zukunft bewegen? Welchen Stellenwert erhält Innovation?

Für Pierre-Yves Caboussat, Senior Partner und Innovations-Baumeister bei den INNOArchitects in Wabern (siehe Video des letzten Innovationsevents), ist die Sache klar: «KMU müssen sich zwingend verändern.» Die Technologie mache die Welt immer schneller, sagt er. Wer sich nicht wandle, komme nicht mehr mit. «Die Erneuerungszyklen werden immer kürzer. Wir müssen deshalb schneller agieren und auf Veränderungen reagieren können.» Dies gelinge nur mit mehr Flexibilität und neuen Führungsmodellen. Innovation ist für Caboussat ein Muss für jedes KMU, will es in der digitalen Welt bestehen. Es reiche nicht mehr, gut zu machen, was man immer gut gemacht habe, sagt er: «Es ist krass, wie die Halbwertszeit von Unternehmen abnimmt – unter dem Strich geht es ums Überleben.» Ein Unternehmen müsse Neues suchen, testen und aus dem Scheitern lernen – und gleichzeitig Bestehendes weiterentwickeln.

Innovation ist Chefsache

Dieser Überzeugung ist auch Alice Baumann, Direktorin Strategisches Marketing und Innovation des in der Schweiz aktiven französischen Totalunternehmens Losinger Marazzi: «Innovation ist das A und O des Erfolgs. Ein Unternehmen muss sich immer wieder neu denken und erfinden.» In der Baubranche sowieso, denn Areale entwickeln und bauen dauere stets ein paar Jahre. Ihr Unternehmen müsse deshalb strategisch weit in die Zukunft blicken und relevante Trends rasch in Ideen umsetzen. «Innovation bedeutet für uns, als Traditionsunternehmen mit über 100-jähriger Geschichte pionierhaft, dynamisch sowie agil und dadurch erfolgreich zu bleiben.» Innovation bedeute auch Transformation. Sie verändere das gesamte Unternehmen und gehöre deshalb zu den existenzsichernden Führungsaufgaben, sagt Alice Baumann – und organisatorisch unbedingt in die Geschäftsleitung und in den Verwaltungsrat.

«DIE SCHNELLIGKEIT FÖRDERT NEUE MÖGLICHKEITEN DER ZUSAMMENARBEIT INNERHALB DES UNTERNEHMENS»

Baumann selbst wurde 2015 vom neuen CEO Pascal Bärtschi ins Geschäft geholt. Als Erstes packte die Innovatorin das Thema Kulturwandel und Kollaboration an. Ein Jahr später zog Losinger Marazzi in ein selbst erstelltes Bürogebäude im Wankdorf-City. Der moderne Open Space ermöglicht den Mitarbeitenden dank kreativer Arbeitsplätze und smarter Tools einen agilen, schnellen Austausch. «Die Schnelligkeit fördert neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit innerhalb des Unternehmens», sagt Baumann. Dank partizipativer und digitaler Projektzusammenarbeit sei es heute möglich, marktgerechte Produkte zu entwickeln und die Probleme eines Projekts gemeinsam mit allen Beteiligten zu lösen, bevor man eine Baustelle in Angriff nehme.

Die erste funktionierende Schreibmaschine war wahrscheinlich das Gerät, das der Italiener Pellegrino Turri 1808 für die erblindete Gräfin Carolina Fantoni Da Fivizzano herstellte.

Interne Räumlichkeiten, aber auch Strukturen und Prozesse, die agilen Teams ermöglichen, schnell Neues zu schaffen, sieht auch Caboussat als Grundlage für Innovation. Genauso wichtig sei das Bewusstsein für Veränderung sowie genügend Raum für Ideen innerhalb der Belegschaft: «Innovation ist im bestehenden Tagesgeschäft meist nicht möglich, denn Bestehendes braucht Routine», sagt Caboussat. Auch Losinger Marazzi sei nach wie vor im Veränderungsprozess, sagt Baumann: Flachere Hierarchien seien ein tägliches Thema; man strebe zudem nach mehr Vertrauen für die Mitarbeitenden, mehr Projektgruppen, mehr Frauen und mehr jungen Mitarbeitenden. «Die kulturelle und soziale Innovation muss mit der technologischen Hand in Hand gehen.»

Auf der Suche nach den Megatrends

Doch wie geht ein kleineres Unternehmen mit traditionellen Strukturen und über Jahre eingespielten Prozessen und Hierarchien das Thema Innovation an? «Das Wichtigste ist, dass man sich täglich fragt: Was ist die nächste Disruption? Welcher Trend könnte mein Geschäft bedrohen?», sagt Caboussat. Auch er tue dies – obwohl INNOArchi-tects in drei Jahren von zwei auf 26 Mitarbeitende gewachsen sei: «Alles ist endlich – da mache ich mir keine Illusionen.» Ausserdem müsse jedes KMU sein Umfeld genau kennen. Nur so merke es, wenn sich die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden veränderten. Und nur auf diese komme es an, denn der kommerzielle Erfolg gehöre zwingend zur Innovation: «Ein Produkt, das niemand will, ist nicht innovativ, sondern schlicht eine misslungene Idee.» Eine Bergbahn beispielsweise erkenne erst durch die Analyse ihres sich verändernden Umfelds, dass im Sommergeschäft nicht andere Wintersportanbieter die wahren Konkurrenten seien, sondern andere Erlebnisanbieter wie etwa der Europa Park.

In einer komplett vernetzten Welt, in der neue Ideen aus dem Silicon Valley oder aus China auch bei uns in kürzester Zeit ganze Branchen umkrempeln – denken wir an die Reisebranche, die Medienbranche oder den Detailhandel –, gehört das Augen-merk eines Unternehmens nicht mehr der Konkurrenz. Vielmehr werden digitale Trends, die mit der Branche vielleicht gar nichts zu tun haben, zur Gefahr, da sie Produkte und Dienstleistungen von Grund auf neu denken und erfinden. Oder die-se schlicht obsolet machen, weil sie die Bedürfnisse der Kundschaft verändern.
«Mein Team und ich denken bei unseren Recherchen nicht an unsere Mitbewerber», sagt auch Alice Baumann. «An unserem Horizont beobachten wir vielmehr Face-book, Amazon und Apple.» Die grösste Gefahr gehe allerdings von den künftigen Facebooks, Amazons und Apples aus, sagt sie. «Ich wache jeden Tag mit der tief-sitzenden Angst auf, dass ein Gigant oder ein Start-up unsere Firma disruptiert. In meinem Job schwanke ich stets zwischen totaler Begeisterung und Paranoia.»

«WIE DIE FÜRS KLIMA STREIKEN-DEN JUGENDLICHEN SIND AUCH WIR ÜBERZEUGT, DASS WIR NICHT MEHR SO WEITERMACHEN KÖNNEN»

Die Innovationstreiberin versteht sich bei Losinger Marazzi als Radar, der Signale auffängt, interpretiert und verknüpft. Ihr Auftrag ist es, Megatrends, Innovationen und Strömungen aus Asien und den USA aufzuspüren und deren Auswirkungen zu deuten. Sie zieht Schlüsse daraus und «impft» ihr Team wöchentlich mit ihren Er-kenntnissen. Innerhalb der Firma müsse sie immer wieder betonen, dass sie Trends nicht erfinde: «Ich kann nur von dem erzählen, was bereits im Äther ist.» Was werden wir künftig mit den Parkhäusern machen, die wir heute bauen, wenn es sie gar nicht mehr braucht, weil Autos selbstfahrend sind und nur noch geteilt werden? Können wir sie für Urban-Farming-Plantagen nutzen? Mit solchen Fragen beschäftige sie sich. Ein Riesenthema seien auch hybride Gebäude mit Mehrfachnutzung, smarte Quartiere und schlaue Logistiklösungen sowie nachhaltige Bauweisen. Insbesonde-re die Kreislaufwirtschaft müsse bei den Unternehmen in den Fokus der Innovation rücken: «Wie die fürs Klima streikenden Jugendlichen sind auch wir überzeugt, dass wir nicht mehr so weitermachen können», betont Baumann. Es werde viel getüftelt an Baustoffen, die in der Natur wüchsen und keinen Abfall verursachten, sowie an digitalen und analogen Lösungen für die Wiederverwertung von Baumaterialien.

Den Mut, Neues sowie «bisher Unmögliches» zu entdecken und anzudenken, sieht Baumann als wichtigsten Treiber der Transformation. Wichtig sei, dass man in diesem Prozess auch auf innovative Partner setze. Und dass man Neues sofort anwende, um herauszufinden, was funktioniere und was nicht. Seit Kurzem wisse man beispiels-weise, dass Holz beste Eigenschaften habe, um daraus auch Hochhäuser zu bauen. «Bisher dachten wir, das sei feuertechnisch und wegen der Statik nicht möglich.» Die Branche machte sich daran, es herauszufinden – und das Unmögliche funktionierte.