Mit der Digitalisierung hat sich auch der Beruf des Grafikers
verändert. Mit einem neuen Lehrgang will der Schweizer ­Grafiker Verband SGV Grafikerinnen und Grafiker auf die digitale Zukunft vorbereiten. Die Essenz des Berufs bleibe jedoch auch in Zukunft dieselbe, sagt SGV-Geschäftsführerin Susann Mäusli Bruggisser im Interview.

Susann Mäusli, wie digital ist der Grafikerberuf heute?
Graphic Designers sind immer mehr Teamplayer und können nicht mehr alles selbst machen – sie arbeiten mit Programmierern, Informatikern, Informationsarchitekten und anderen Personen zusammen. Sie müssen nicht selber programmieren können, doch sie müssen nachvollziehen können, wovon der Programmierer spricht, und wissen, welche Programme es gibt und was diese können.

Die Digitalisierung stellt die Grafik vor neue Herausforderungen – was verändert sich?
Es ist die Medienvielfalt, die sich rasant ändert – und mit ihr die Möglichkeiten für Grafikerinnen und Grafiker, eine Botschaft zu gestalten. Früher machte ein Grafiker Lithos – heute muss er analoge und digitale Medien gestalten können.

Wie verändert sich der Beruf mit der ­Digitalisierung?
Im Grundsatz gibt es keine grosse Veränderung: Die Hauptschwerpunkte des Berufs – Konzeption und Gestaltung – bleiben dieselben, und es braucht sie in gleichem Ausmass wie vor 20 Jahren. Heute muss ein Konzept jedoch analog und digital funktionieren.

«Gute Gestaltung ist medienunabhängig.»

Susann Mäusli

Wie geht der Schweizer Grafiker Verband SGV diese Veränderungen an?
Wir sind daran, den neuen Lehrgang zum UX / UI-Designer (User Experience Design / User Interface Design) zu entwickeln, mit dem sich auf dem dualen Bildungsweg ausgebildete Grafiker im digitalen Bereich vertiefen können. Die neue eidgenössisch anerkannte Ausbildung lehrt explizit jene Skills, die es für die digitale Zukunft braucht. Wir hoffen, dass wir bereits 2018 oder 2019 die ersten Prüfungen durchführen können.

Weshalb eine zusätzliche Ausbildung? Brauchen künftig nicht alle Grafikerinnen und Grafiker digitales Wissen?
Wir konnten nicht noch mehr Stoff in die Grundausbildung hineinpacken, da diese bereits sehr voll ist. Und wir möchten ausserdem, dass sie medienunabhängig bleibt – ein Grafiker muss sowohl digital wie auch analog wissen, was ein gutes Konzept und eine gute Gestaltung ausmacht. Wir sehen es jedoch als unsere Herausforderung an, dass die Ausbildung die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes abdeckt. Grafiker ist ein sehr beliebter Beruf, und es werden viele Grafiker ausgebildet. Wir sind klare Verfechter des dualen Ausbildungswegs und möchten, dass unsere Lernenden nach der Ausbildung das mitbringen, was die Arbeitgeber brauchen.

Was muss ein Grafiker heute können?
Er muss ein Teamplayer sein und Ideen so umsetzen können, damit die Botschaft ankommt. Das braucht vernetztes Denken und Kreativität. Gute Grafiker sind Menschen, die querdenken können und Zusammenhänge erkennen, wo andere vielleicht keine sehen. Sie brauchen auch eine sehr gute Allgemeinbildung und Interesse an Kultur und wirtschaftlichen Zusammenhängen. Grafiker ist ein sehr interessanter Beruf.

Wo ist die Grafik in 30 Jahren?
Es kann niemand sagen, wohin die Entwicklung geht, das hat auch unser Workshop zur neuen Ausbildung gezeigt. Klar ist: Die Möglichkeiten werden immer mehr und verändern sich immer schneller. Dieser rasante Wandel ist die grösste Herausforderung.

Mit der Preisverleihung Essence – Best of Swiss Graphic Design prämiert der SGV seit 2015 Schweizer Grafik. Kann man die Digitalisierung auch hier beobachten?
Interessanterweise wurden nicht nur digitale Arbeiten ausgezeichnet, sondern auch Plakate, Broschüren oder ein Schriftzug an einem Kunstmuseum. Die Preisverleihung zeigt, wie vielseitig die Anforderungen in der Grafik heute sind. Gute Gestaltung ist medienunabhängig. Aber klar ist: Vor zehn Jahren hätte es keine solch komplexen Arbeiten gegeben.

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Partnerschaft mit Best of Swiss Graphic Design

Der Schweizer Grafiker Verband ist einer von zwei Grafikerverbänden in der Schweiz. Der SGV wurde 1983 gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, die Gestalter darin zu unterstützen, «die visuelle Umwelt nachhaltig, qualitativ und kreativ auf höchstem Niveau zu gestalten». Ausserdem will er die Position des Berufes Grafiker wirtschaftlich und kulturell stärken. 2015 rief der SGV die «Essence» ins Leben: Die Preisverleihung prämiert stilbildende, eigenständige und zukunftsorientierte Schweizer Werke und soll die Community der Graphic Designer stärken. Als Partner der «Essence» druckt die AST & FISCHER AG den Katalog zur Preisverleihung. «Wir unterstützen die Grafiker, weil sie für uns ein interessantes Kundensegment sind», sagt Michael Waber, Kundenberater und Partner der AST & FISCHER AG. Insbesondere beim Druck von Büchern und hochwertigem Material seien Grafiker auf eine gute Beratung bezüglich Produktionsmöglichkeiten und Papierwahl angewiesen.

Susann Mäusli (59) ist seit 1994 ­Geschäftsführerin des SGV. Zuvor war die Juristin und diplomierte Kulturmanagerin selbstständig im kulturellen Bereich sowie im internationalen Kunsthandel tätig und führte eine eigene Galerie in Zürich.

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Ausbildung zur / zum
Grafikerin / Grafiker EFZ

Es gibt zwei Möglichkeiten, eine Berufslehre als Grafikerin / Grafiker EFZ zu absolvieren, mit anschliessender Möglichkeit einer Höheren Berufsbildung zum dipl. Grafik-Designer HFP:

  • 1 Jahr Vorkurs
  • 4 Jahre rein schulische Ausbildung an einer Fachklasse für Grafik, meist mit integrierter Berufsmatura
  • 4 Jahre Ausbildung in einem Betrieb mit begleitendem Besuch der Berufsschule, Berufsmatura begleitend möglich

Manuel Haefliger

Inhaber und Geschäftsführer Grafikraum in Bern und Studienleiter HF Visuelle Gestaltung SFGBB


«Diese wundervolle, sich immer wieder erneuernde Vielfalt an guter Gestaltung hat viel zu tun mit Auseinandersetzung. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass dies in Zukunft Roboter übernehmen sollen. Die Digitalisierung fordert eine andere Art der Auseinandersetzung: Der Gestalter der Zukunft wird sich immer mehr mit digitalen Schnittstellen, Techniken wie auch mit Codes und sich stetig erneuernder Software beschäftigen müssen. Gute Gestaltung und Ideen bleiben aber primär Handarbeit. Mausarbeit ist dabei ein guter Adjudant. Ich bin guter Hoffnung, dass sich kreative Gestaltung immer wieder vom digitalen Rauschen emanzipieren wird.»

Gerhard Blättler

Inhaber Studio Gerhard Blättler in Bern


«Die Digitalisierung ist für uns Grafiker und Grafikerinnen bereits seit 25 Jahren Realität. Der Computer ist in dieser Zeit vom Produktionsmittel auch zum Empfängermedium mutiert. Der Grafiker entwickelte sich dabei vom Kunsthandwerker hin zum Spezialisten für die gestaltete reale und digitale Welt. Die Aufgaben bleiben dieselben: Der Grafiker beobachtet und spiegelt die Welt, denkt mit und übersetzt Ideen. Ob diese am Ende klassisch gedruckt, räumlich inszeniert oder digital publiziert werden – unsere Kernkompetenz bleibt es, Zeichen und Symbole zu (er)kennen, deren Wirkung zu verstehen und dabei gekonnt die für das Produkt beste Umsetzung zu finden. Die zukünftigen Herausforderungen liegen in der neuartigen Aufbereitung von Informationen (Visual Storytelling), im Einbinden von Bewegtbildern und in neuen Medien, deren Möglichkeiten wir uns heute noch nicht vorstellen können. Kommunikation von Textinhalten mittels Typografie, Satzspiegel und dem damit verbundenen Lesekomfort ist seit Gutenberg jedoch nicht merklich erneuert worden, daran ändert auch die Digitalisierung nichts.»

Katina Anliker

Mitinhaberin Boulot – Bureau für Kommunikation in Bern


«Die Digitalisierung in unserer Branche hat längst stattgefunden. Was war, ist und bleiben wird: Am Anfang stehen ein Produkt, eine Botschaft und ein Empfänger. Die Art, wie die Botschaft sinnvoll und zielgruppengerecht umgesetzt wird, passt sich jedoch dem technischen Fortschritt an. Immer häufiger braucht es Konzepte, die nur digital umgesetzt werden. Im Gegensatz zum Druck sind diese selten abgeschlossen und bleiben ­dynamisch. Unsere Herausforderung ist es, trotz der rasanten technologischen Entwicklung in allen Bereichen – vom Responsive Design übers CMS bis zum User Experience Design – auf dem neusten Stand zu sein, um die Kunden professionell beraten zu können sowie zeitgemässe Konzepte vorzulegen und umzusetzen. Umso wichtiger ist ein gutes Angebot an Weiterbildungen im Bereich Interaction Design und Neue Medien. Nur so ist es möglich, dass unsere Berufsleute die Design- und Kommunikationswirtschaft qualitativ hochwertig und aktuell beliefern können.»

Bildquellen: Ast & Fischer Firmenzeitung Ausgabe 5

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